Aus dem Leben eines Kaninchens

Die beiden Kaninchen-Jungs leben zusammen in einem Hasenstall im Garten eines kleinen Jungen. Der Junge respektiert die Kaninchen, er beobachtet sie und gibt ihnen Futter. Er fasst sie nicht an, wenn sie es nicht wollen.

Das Leben des einen sah vorher anders aus: er lebte allein ohne andere Kaninchen im Wohnzimmer einer Familie und gehörte einem kleinen Mädchen.

Er erzählt:

Es ist schön zu sehen, wie mein Freund jeden Tag aufs Neue Freude daran hat zu spielen, zu rangeln, Haken zu schlagen, stundenlang könnten wir rennen, hüpfen und hoppeln. Jeden Tag entdeckt er Neues und die Freude, die er dabei empfindet kommt tief aus seinem Herzen. Ich würde diese wahre Freude auch gerne empfinden. Aber ich bin noch nicht so weit. Ich empfinde momentan die meiste Freude daran, meinen Freund zu haben, bei ihm zu sein und ihn zu beobachten. Beim Schlafen wärmen wir uns gegenseitig, eng kuscheln wir uns aneinander, das fühlt sich so geborgen an. Wir Kaninchen brauchen einander und diese Nähe. Die Nächte sind für mich besonders wichtig. Dieses Gefühl der Geborgenheit habe ich so lange vermisst. Jetzt ist da jemand, an den kann ich mich kuscheln.

Ich habe drinnen gelebt, nicht draußen wie jetzt mit meinem Freund und ich war allein. Am Tage war es meistens laut und doch war ich allein, es gab keine anderen Kaninchen. Nachts habe ich im Dunkel gehockt und hatte Angst. Solche Angst. Alleine zu schlafen, ist das wovor ich mich am meisten fürchte. Weil diese gemeinsamen Nächte für uns mehr sind, als nur schlafen. Die Geborgenheit, die wir einander schenken, ist lebenswichtig für uns. Ich bin immer noch traurig und kann diese Zeit nicht vergessen. Ich war immerzu drinnen, wusste gar nicht, wie sich die Natur anfühlt. Wie sich Wind anfühlt, wie sich Erde anfühlt. Und wie sich die Nähe eines Artgenossen anfühlt. Ich möchte nie, nie wieder alleine sein. Das ist so grausam, es machte mich innerlich leer. Ich war gar nicht mehr lebendig, nur so eine Hülle, die eben existiert. Das wünsche ich keinem.

Ich bin immerzu auf der Hut. Ich habe Angst vor den Händen, die ins Gehege greifen, weil sie mich nehmen können. Ich mag es nicht auf den Arm genommen zu werden. Es fühlt sich komisch an, so hoch oben. Ich habe immer Angst, wenn der Boden so weit weg ist. Ich habe auch Angst, weil ihr viel größer seid und mich greifen und nehmen könnt und ich euch ausgeliefert bin.

 

Wir sind keine Gegenstände. Wir brauchen viel Platz und wir brauchen eine große Familie und Freunde. Ein Kaninchen alleine ist kein Kaninchen. Wir können so nicht leben. Wir existieren nur im Verbund. Wir brauchen die anderen, sonst werden wir krank. Ich wurde krank. Ich habe meine Freude verloren. Und ich bin erleichtert, zu sehen, dass es noch Freude gibt. Ich bin dabei meine wieder zu finden.

Ich war nie wirklich frei. Dabei brauchen wir viel Platz zum Spielen, Haken schlagen, Hoppeln. Wir brauchen einen besten Freund. Einen gleicher Art, weil nur er unser Spiel versteht. Wir brauchen diesen Freund, um uns nachts an ihn zu kuscheln und uns gegenseitig Geborgenheit und Wärme zu schenken. Ohne das werden wir krank. Dann hält die Kälte Einzug in unser Leben und unseren Körper.

 

Wir wünschen uns Abwechslung. Wir brauchen frische Luft, Erde, Sand, weiches Heu und Gras. Und wir brauchen einen Rückzugsort, an dem wir uns sicher fühlen.

Wir sind klein und ihr könnt uns greifen, bitte tut das nicht. Hebt uns nicht hoch. Das macht uns Angst. Wenn ihr uns keine Angst macht, uns nicht in Bedrängnis bringt, können wir neugierig und aufgeschlossen sein, dann schnuppern wir auch gern an euch, ihr habt lustige Gerüche und es fühlt sich seltsam kitzelig an, wenn ihr uns streichelt, das ist ein Gefühl, an das man sich erstmal gewöhnen muss und ohne Angst ist es vielleicht sogar schön.