Aus dem Leben einer Schnecke

Ein Gefühl der Ruhe und Entspanntheit durchflutet uns. Zuerst erscheint es uns, als würde die Schnecke außerhalb der Zeit leben. Doch dann wird klar, dass sie einfach ein ganz anderes Zeitgefühl hat: in der Wahrnehmung der Schnecke zerfließt die Zeit ins Unendliche. Für sie gibt es nur diese Art der Zeit.

Im Tempo der Schnecke ist ein Tag nicht ein Tag, sondern eher vergleichbar mit einem viel größeren Zeitabschnitt, ihre Zeit ist gedehnt im Vergleich zu unserer. Und so leben die Schnecken eine lange Zeit im hellen Tageslicht und eine lange Zeit im Dunkeln der Nacht. Es spielt für sie keine Rolle, ob Tag ist oder Nacht, das Wetter entscheidet über die Aktivität, nicht die Uhrzeit. Was ist, ist. Die Sommertage sind unendlich, wenn sie sind und der Regen ist unendlich, wenn er ist. Die Schnecke kennt enorme Hitze und Regen, jedoch kennt sie keinen Schnee.

In ihrer gedehnten Zeit ist es recht selten, dass Schnecken einander treffen. Die Phasen in denen eine Schnecke ganz für sich alleine ist, ist vergleichbar groß. Sie freuen sich umso mehr, wenn sie andere Schnecken treffen. Es gleicht einem Kaffeeklatsch. Wichtige Informationen werden ausgetauscht. Wo lohnt es sich hinzugehen? Welcher Weg ist verschwendete Zeit? Das Vorankommen ist eine lange Reise. Und so achten die Schnecken darauf nicht sinnlos einen Weg zu gehen.

Ohne die Konversationen untereinander wären die Schnecken orientierungslos. Sie sind sich gegenseitig Kompass und Richtungsweiser.

 

Glitschige, schmodderige Erde, große Steine, bedeckt mit feuchtem Moos über die man wunderbar gleiten kann – das liebt die Schnecke ebenso wie die Wassertropfen, die Perlen bilden im feuchten Gras. Diese Perlen nimmt sie beim Hinübergleiten in sich auf. Sie versorgen sie mit Feuchtigkeit. Sie liebt es dahinzugleiten auf ihrer Schleimspur. Sie erschafft sich mit ihr ihre eigenen Wege. „Dieses Gleiten ist so ein schönes Gefühl.“ Sie zeigt uns, wie es sich anfühlt und sie mit Freude und Leichtigkeit erfüllt.

 

Angst hat sie vor allem, was von oben kommt. Meist verheißt ein Schatten, der sich über sie legt, nichts Gutes. Sie hat Angst um ihr Haus. Es beherbergt alle Organe, es ist ihr Körper, ihr Leben. Diese Angst sitzt tief und lässt sie auf der Hut sein. Wohl wissend, dass sie der Gefahr hilflos ausgeliefert ist, weil sie im Notfall nicht schnell genug ist, sich ihr zu entziehen. Dieses Gefühl belastet sie. „Wenn ihr angehastet kommt, dann eilt euren Füßen eine Art Druckwelle voraus, eine Welle von Hektik und unnötiger Schnelligkeit. Es ist, als eilen eure Schritte euch voraus, so nehme ich euch wahr.Deswegen ist es so unmöglich, euch auszuweichen. Würdet ihr gemächlich gehen und euch in Ruhe fortbewegen, hätten wir noch genügend Zeit, uns zur Seite zu bewegen, wenn wir euch spüren. Aber eure Welle der Hektik und Eile und die fehlende Gegenwärtigkeit, die euch innewohnt, macht mich so konfus, dass ich oft wie gelähmt bin und nur noch hoffen kann, dass eure Füße mein Haus nicht in Unachtsamkeit zertreten. Ich fürchte euch mehr als die Tiere.“ Sie hat ein anderes Gefühl von Geschwindigkeit, sie empfindet sich selbst an sich nicht langsam, aber mit unserer Schnelligkeit kommt sie nicht zurecht. Es ist jedoch weniger die Geschwindigkeit an sich, als die Unachtsamkeit und Unruhe, die in ihr liegt.

 

Die Schnecke hat eine Bitte und eine Botschaft für uns Menschen: Eine Schnecke kriecht nie zufällig irgendwo hin. Sie hat immer einen festen Plan. Einen Plan der durch die Kommunikation mit den anderen Schnecken entstand. Wenn wir eine Schnecke umsetzten, dann kann das weitreichende Folgen für das kleine Tier haben. Natürlich gibt es Situationen, das sind die Schnecken uns dankbar, zum Beispiel wenn wir sie von der Straße retten. Dann jedoch, so bittet sie uns, sollen wir die Schnecken immer ihrer Kriechrichtung weitersetzen. Denn nur dann können sie ihre Reise fortsetzen.

 

Und sie gibt uns einen Ratschlag mit auf den Weg: Geht achtsamer durchs Leben, werdet ruhiger. Wenn ihr dem Tag mehr Zeit gebt, so verschiebt sich eure Wahrnehmung. Nicht der Tag hat zu wenig Zeit, sondern ihr. Er ist das, was ihr daraus macht. Das Gefühl, mit dem ihr euren Tag lebt, entscheidet wie schnell die Zeit vergeht. Diese Art der Schnelligkeit, die ihr habt, ist sinnlos. Wovor lauft ihr davon? Und warum? Oder sucht ihr etwas, jagt ihr nach etwas? In dieser Eile könnt ihr das nie finden.