Aus dem Leben einer Robbe

Die Robbe fühlt sich wohl in ihrem Körper, ihrem Dasein, ihrem Element.

Sie treibt und gleitet durch das Wasser. Das Wasser macht sie schwerelos und leicht. Sie liebt diese Leichtigkeit. Das Spiel von oben und unten. Nichts ist festgelegt. Sie zeigt uns, dass alles nur eine Frage des Blickwinkels und der Perspektive ist. Mal ist der Meeresgrund unten, dann steht die Welt plötzlich Kopf. Sie liebt diese Flexibilität. Nichts ist starr. Sie gleitet durchs Wasser und vollzieht ihre eigene elegante Kür. Einen Tanz des Lebens und der Freude. Um sie herum herrschen Blau und dunkle Töne, doch in ihrem Innern strahlt es hell. 

Sie liebt die Weite unter der Oberfläche. Die Wasserwelt ist ruhig und hat ihr eigenes Tempo, ihre eigenen Regeln, ihre Lebendigkeit und ihre Ruhe.

In stromlinienförmigen Bewegungen windet sie sich durchs Wasser. Nur in den äußeren Hautschichten spürt sie dessen Kälte, aber im Inneren ihres Körpers ist ihr ganz warm, sie mag diesen Kontrast.

Die Robbe ist in ihrem Körper zuhause und die Bedürfnisse ihres Körpers bestimmen den Rhythmus ihres Lebens. Sie jagt, wenn sie hungrig ist. Aber niemals im Überfluss, denn sie achtet darauf, dass das natürliche Gleichgewicht erhalten bleibt. Sie sieht die kleinen Fische nicht nur als Nahrung an. Auch sie sind Bestandteil der Welt unter Wasser und ohne sie, wäre es trostlos. 

Zum Ausruhen geht sie an Land und genießt die wärmere Außentemperatur der Luft. Mit Kraft wuchtet sie ihren Körper auf eine Sandbank. Draußen ist ihr Körper behäbiger, aber auch dieser Kontrast bereichert ihr Leben. An Land spürt sie ihre Massigkeit, ein wohliges Gefühl. Im Wasser ist es die wundersame bewegliche Leichtigkeit, die ihr unbändige Freude bereitet. Sie ist in zwei Elementen zuhause und empfindet das als großes Glück.

Sie hat ihre Familie, ihre Kolonie. Ein festes Band hält ihre Sippe zusammen. Dieser Zusammenhalt macht sie stark und unangreifbar. Sie geben sich gegenseitig Halt und Schutz. Sie liebt diese Gefühle der Zusammengehörigkeit. Für die Robbe ist wichtig zu wissen, dass sie ein Teil von etwas Großem ist. Im Wasser verschmilzt sie mit dem Element, draußen ist sie Teil des Verbundes. Sie weiß, dass sie nach einem Streifzug durch die Gewässer wieder liebevoll empfangen wird. Hier im Verbund der Sippschaft kann sie sich gefahrlos ausruhen und auftanken, hier ist sie zuhause. 

Der Mensch ist ihr fremd, sie legt aber auch keinen Wert auf Kontakt. Ihre Welt ist gut, so wie sie ist. Sie weiß nichts über uns Menschen und kennt uns nicht. Und sie möchte es auch nicht. Sie hat keine Idee, dass wir verantwortlich sind für die Zerstörung und Verschmutzung ihres Lebensraums. Sie spürt nur, dass es einen Einfluss gibt, der nicht da hingehört, dass etwas im Gange ist, das nicht mehr rückgängig zu machen ist und das Leben im Meer bedroht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt. Sie wünscht sich, dass ihr Lebensraum so bleibt wie er ist. Und bittet uns einfach fern zu bleiben. Große Veränderungen machen ihr Angst. Hier wo sie alles kennt, hier fühlt sie sich geborgen und sicher. Das ist ihr das Wichtigste im Leben. Denn ihr Vertrauen und ihre Verbundenheit lassen sie strahlen und wärmen sie von innen.