Aus dem Leben eines Grashüpfers

Er liebt das Wunderwerk seines Körpers und dessen Fähigkeiten. In vollkommenem Gleichgewicht balanciert er seinen Korpus fast schwebend über seinen Beinen, die eine immense Spannkraft besitzen und es ihm ermöglichen, seinen Körper auf den filigransten Pflanzen zu halten und auszubalancieren. Er besitzt ein vollkommenes Körperbewusstsein. Er zeigt uns, wie die Blättchen der bodendeckenden Pflänzchen sich zart im Wind bewegen und wie es sich anfühlt, wenn er durch die Luft fliegt und dann darauf landet, wie Surfen im Wind ist das.

Seine Welt erscheint uns friedlich im Schutz der Grashalme, die ein Blätterdach über seinen Körper spannen. Die Natur hat ihm alles gegeben, was er braucht. Und er braucht nicht viel. Er lebt bescheiden, aber glücklich. Im Vergleich zu uns Menschen ist er ein Minimalist.

In gewisser Weise ist er auch ein Heiler, der die anderen mit seiner guten, zufriedenen Energie ansteckt. Er mag keine schlechte Laune und er sieht auch keinen Sinn darin. Wir alle leben, haben von der Natur das bekommen, was wir brauchen, es gibt keinen Grund unzufrieden zu sein. Dies ist auch gleichzeitig seine Botschaft an uns Menschen, denn er kann nicht verstehen, dass wir so dermaßen unzufrieden durch das Leben gehen und immer noch mehr und noch mehr wollen. Er hat das Gefühl, wir haben den Sinn des Lebens verloren. Und er würde sich wünschen, dass wir ihn wiederfinden.

Er kann nicht verstehen, dass wir unseren eigenen Körper nicht lieben und achtlos mit unserem Lebensraum umgehen. Spürt ihr denn die Schwingungen nicht? fragt er uns. Die Schwingungen der ganzen Welt, der einzelnen Pflanzen und Arten. Wie lebt ihr, ohne in Einklang mit diesen Schwingungen zu gehen? Wie bewegt ihr euch, wenn ihr diese Schwingungen nicht spürt? Stoßt ihr nicht ständig irgendwo an und verletzt damit die anderen und euch selbst? Spürt ihr eure eigene Schwingung denn auch nicht?

Der Grashüpfer weiß: Die Luft ist das wichtigste für die Schwingungen, sie bewegt und sie trägt sie. Er spürt die Luft, wie sie seinen Körper berührt, wie sie die Welt um ihn herum bewegt, wie sie zwischen allem ist und alles umgibt. Die Luft ist es, die den Raum füllt und alles verbindet. Die Luft ist überall und kann überall hin. Alles Lebende nimmt die Luft auch in sich auf, Pflanzen, Tiere, ihr, jeder auf seine Weise. Die Luft hält uns zusammen und am Leben. Wenn ihr die Luft spüren könnt, dann könnt ihr bald auch die Schwingungen wahrnehmen, die sie transportiert. Dann kommt eure Welt wieder in Ordnung. Die Luft in euch hilft euch auch, euch selbst wieder zu spüren, euren Körper als das Wunderwerk zu erleben, das er ist und bei eurer eigenen Schwingung anzukommen und im Einklang mit ihr zu leben. Luft ist Leben und Leben ist in Schwingung.

Vom Grashüpfer können wir Zufriedenheit lernen. Sein Körper und sein Lebensraum stehen für ihn in vollkommener Harmonie zueinander. Er empfindet seinen Körper als perfekt. Seine feinen Tastfühler helfen ihm, in den unteren Schichten seinen Weg zu bahnen. Und seine wunderbaren Beine ermöglichen es ihm, sich aus eigener Kraft weit zu bewegen und hoch in die Lüfte zu erheben. In seinem Körper ist er zuhause. Gleichzeitig findet er seinen Lebensraum stets aufs Neue faszinierend schön. Da ist die mal feuchte, mal warme Erde, die mal ganz sandig und eben ist und sich mal in hohen Hügeln türmt, die er ganz mühelos überwinden kann, indem er springt und nicht krabbeln muss, wie die anderen Tiere. Das sind die verschiedenen Pflanzen, die unterschiedlichen Blattformen, die sich alle ganz anders bewegen in der Luft, jede Blattart hat ihre eigene Schwingung, die ihn trägt. Und da sind die langen schlanken Gräser, die wie Aussichtstürme empor ragen in die Luft. Und natürlich ist da der Raum über der Wiese, in den er hinein zu schnellen vermag.

Wichtig ist ihm die Verbundenheit mit dem großen Ganzen. Es gibt ein unsichtbares Gefüge, das alle miteinander verbindet. Wir müssen uns gar nicht anstrengen, sondern einfach nur sanft unserem Weg folgen. Dann erkennen wir, dass die Natur sich bei allem etwas gedacht hat. Jeder passt perfekt zu jedem. Jedes Detail eines Körpers oder einer Blume hat seinen Sinn und seine Funktion. Und es gibt unzählig viele verschiedene Formen, kein Lebewesen gleicht dem Anderen. Jeder hat seine Stärken und Qualitäten, die ihn auszeichnen. Es hat alles seinen Sinn und es gibt für alles einen Grund.

Für ihn existieren verschiedene Welten parallel zueinander. Er lebt in seiner Welt und da fühlt er sich sicher, hat seinen Platz. Diese Welt möchte er auch nicht verlassen, den in anderen Regionen würde er nicht zurechtkommen. Doch er bedauert die Artenarmut der Wiesen. Er wünscht sich eine Welt voller Blüten, verschiedenster Pflänzchen und Gräser. Eine Wiese voll unterschiedlichster Schwingungen, die jeder Pflanze eigen ist, und auf denen er surfen und mitschwingen darf auf seiner Reise. Benennen kann er es nicht, für ihn ist es diffus, doch er spürt die Gifte, die nicht nur seinen Lebensraum, sondern auch seinen Körper bedrohen.

Er hat Angst davor, irgendwann einmal des nachts keinen Blick mehr auf den Sternenhimmel zu bekommen. Davor, dass das Zirpen der Grashüpfer und Grillen verstummt. Dass die Welt leise und geräuschlos wird, denn dann ist die Natur gestorben. Seine Welt ist klein aber perfekt und er hat Angst, dass diese Welt irgendwann einmal einfach verschwindet. Er hat es schon erlebt, dass Bewohner anderer Regionen plötzlich auftauchten, hat davon gehört, dass ein kleiner Lebensraum zerstört wurde. Ganz plötzlich war da nichts mehr so wie es mal war. Dann beginnt sich das Gleichgewicht zu verschieben. Die Tiere flüchten in andere Regionen, in denen sie sich nicht auskennen. Meist geht es gut und sie können sich anpassen. Aber dennoch gerät die Welt dabei aus dem Gleichgewicht, Stück für Stück. Und was passiert, wenn wir uns irgendwann mal nicht mehr anpassen können?