Aus dem Leben einer Fliege

Es wundert sie, dass sie ständig verjagt wird, ernährt sie sich doch nur von dem, was andere ausscheiden oder nicht mehr benötigen. Nun, sie nimmt es hin, weiß sie doch, dass sie dank ihrer Wahrnehmung ihren Feinden meist flink voraus ist.

Die Wahrnehmung der kleinen Fliege besteht aus ganz vielen übereinander gesetzten Bildern. Es erinnert an das Schaufenster eines Fernsehgeschäftes, in dem viele schwarzweiß-Fernseher über- und nebeneinander gestapelt sind. Und auch wenn sie auf jedem dieser kleinen Bildschirme etwas anderes wahrnimmt, vermag ihr Gehirn die Informationen zu verarbeiten und zu selektieren.

Ein Fokus liegt auf der Gefahr, die sie umgibt: schnelle Bewegungen auf einem ihrer Bildschirme lösen einen Alarmmodus aus. Aber sie sieht die Bewegungen nicht nur, sie nimmt sie auch in den feinen Härchen war, die auf ihrem Körper sitzen. Es scheint, der ganze Körper der Fliege besteht aus vielen winzigen Sinneszelle, die die Informationen ins Innere leiten, damit die Fliege in Sekundenschnelle reagieren kann.

Am meisten ist Ihr Gehirn jedoch auf Essen programmiert. Sie liebt Essen, die verschiedenen Geschmäcker, die sie wahrnimmt, wenn sie mit ihrem Rüssel ihr Essen abtastet und davon kostet. Stinkende Kothaufen ziehen sie mit der Wärme, die sie verströmen magisch an. Schon aus der Ferne sieht sie den Dunst aufsteigen, dem sie nicht widerstehen kann. Was wir als ekelhaft betrachten, ist für sie der reinste Genuss, wenn sie ihren Rüssel in die warme, weiche Masse eintaucht. Die Welt ist für sie ein Schlaraffenland. Überall gib es kleine und große Köstlichkeiten. Kleine Krümelchen, die wir Menschen verlieren, sind für die Fliege riesige Berge von Leckereien.

Die Fliege ist nicht ortsgebunden. Sie macht auch keinen Unterschied zwischen der freien Natur oder einer menschlichen Wohnung. Sie ist frei und fliegt dahin, wo sie das leckerste Essen findet, lässt sich einfach von ihren Gelüsten und Genüssen leiten.

Die Fliege vereint Gemütlichkeit und Humor in ihrem Wesen. Sie ist eine Spielerin, voller Lebensfreude und Unschuld. Sie neckt andere gerne und lacht sich dabei ins Fäustchen, da sie durch ihren Weitblick den anderen fast immer überlegen ist.

Sie ist ein Lebewesen des Sommers und der Wärme, ihre Zeit ist kurz und mit dem Jahreszeitenwechsel vom Sommer zum Herbst nehmen ihre Kräfte stetig ab. Sie spürt, dass ihre Zeit sich immer mehr dem Ende neigt. Doch sie hat keine Furcht, verspürt kein Bedauern. Es ist kein Dahinscheiden auf das sie blickt, sondern ein neuer Zyklus. Der Tod hat keinen Schrecken für sie. Sie geht über in einen anderen Daseinszustand, in dem sie verbleibt, bis ihr nächster Sommer kommt – sie weiß, was auf sie zukommt und sie freut sich auf diese Zeit. Normalerweise stirbt die Fliege nicht plötzlich, sondern sie erlebt bewusst, wie ihre Lebenskraft nach und nach schwindet. Ihr Leben steuert auf seinen unvergleichlichen Höhepunkt im Spätsommer hin, die Zeit der Fliegen, und nach diesem Höhepunkt geht es bergab, nach und nach werden es weniger und weniger bis keine Fliege mehr übrig ist.

Bis dahin trotzt sie jeden Tag den Gesetzen der Natur, ihren Feinden und freut sich über das Erleben eines jeden Momentes, denn sie weiß ihr Glück zu schätzen. Sie nimmt es nicht als selbstverständlich hin zu leben, aber sie liebt dieses genussvolle Leben.

Die Fliege hat Spaß am Leben. Es bereitet ihr große Freude durch die Luft zu fliegen, gleichermaßen akrobatisch und mit kindlicher Freude. Überhaupt zeigt die Fliege keinerlei Ernsthaftigkeit. Von ihr können wir den Genuss und die Leichtigkeit in jedem Augenblick erlernen. Sie lebt mit kindlicher Unbekümmertheit und einer Prise Humor.

Nachtragend ist die Fliege nicht, wozu auch? Damit würde sie sich nur kostbarer Zeit berauben. Zeit, die sie für die angenehmen Dinge des Lebens braucht. Auch das gibt sie uns mit auf den Weg: Es genügt doch, um die Gefahr zu wissen, aber man sollte sich nicht von ihr kleinkriegen lassen, sondern ihr mit List und Witz ausweichen, um sich dann dem nächsten genussvollen Moment hingeben zu können.

Die Botschaft der Fliege an uns Menschen lautet: Beschwert euch nicht (und das meint sie durchaus im doppelten Wortsinn), sondern erfreut euch lieber an der Lebenszeit, die euch geschenkt ist.