Aus dem Leben einer körperbehinderten Katze

Sie kann laufen, die Bewegungsmöglichkeiten ihres Beckens und ihrer Hinterbeine sind jedoch stark eingeschränkt. Über ihre Vergangenheit weiß ihre Familie nichts. Sie wurde verwahrlost zu einem Tierarzt gebracht und sollte aufgrund ihrer Behinderung eingeschläfert werden. Die Tierarzthelferin nahm sich ihrer an und vermittelte sie. Die Katze wurde operiert und lebt nun als Freigänger im Haus ihrer Familie in einem Dorf.

 

Wie verbringst Du Deine Tage und Nächte?

Ich lebe. Ich lebe in den Tag hinein. Ich habe alle Freiheiten, keine Eile und keine Sorgen. Ich gehe, wohin ich gehen möchte, schlafe, wenn ich müde bin und meine Menschen geben mir zu fressen. Ich weiß ein gemütliches Plätzchen im Haus zu schätzen, besonders im Winter verkrieche ich mich gern in der warmen Stube. Abends sind meine Menschen zuhause und ich fühle mich bei ihnen am wohlsten.

Aber am allerliebsten bin ich draußen. Draußen zu sein ist das größte für mich. Draußen ist mein Reich, ich sehe nach dem Rechten und bin präsent. Mir gehört ein toller Garten und drumherum sind Felder. Ich gehe gern spazieren und lasse mir viel Zeit, die Welt zu betrachten. Wenn ich einen Sonnenplatz finde, dann lege ich mich da hin, beobachte, putze mich oder döse in der Wärme vor mich hin. Gefällt es mir nicht mehr, ziehe ich weiter und wenn ich Hunger habe, gehe ich nach Hause.

 

Was magst Du besonders an Deinem Leben? Was magst du nicht?

Die Katze ist so voller Wohlgefühl, dass sie zunächst nicht ganz versteht, wie man etwas nicht mögen kann. Sie ist anpassungsfähig, es gibt einfach nichts, was ihr lange Unbehagen verursacht. Gefällt ihr etwas nicht, dann geht sie. Es liegt ja in meiner Betrachtung der Dinge, ob etwas gut oder schlecht ist, sagt sie. Schnee zum Beispiel mag sie nicht. Dennoch liegt sie dann gern drinnen ganz gemütlich auf einem kuscheligen Plätzchen am Terrassenfenster und genießt den Schnee auf diese andere Art eben doch.

Schau dich doch um, sagt sie, es ist so herrlich hier. Wenn es dir als Katze gut geht, dann ist das Feingefühl und die Sensibilität das Schönste. Man darf alles so intensiv wahrnehmen. Sie zeigt uns, wie sie mit ihren sensiblen Härchen - gleich tausenden feinsten Antennen - Berührungen wahrnimmt und die Schwingungen und Stimmungen ihres Umfeldes aufnimmt.

Doch dann räumt sie ein: Ich weiß, dass ich es meinen Menschen verdanke, dass ich so leben darf. Und ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Aber ich nehme es jetzt als

selbstverständlich an und bin glücklich, dass ich meine Menschen habe. Natürlich gibt es Dinge, denen ist man ausgeliefert. Aber all das Schlechte, was ich früher erleben musste, hat dazu beigetragen, dass ich jetzt so positiv lebe und empfinde. Es gab Zeiten, an die erinnere ich mich nicht gerne. Die Erinnerung jagt ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Doch nun ist sie so gestärkt, dass sie diese Zeiten hinter sich lassen kann.

Sie hat jetzt einen wunderbaren Platz und lebt im Glück, das sie aufgrund der Traurigkeit und Entbehrungen in ihrer Vergangenheit ganz klar zu schätzen weiß.

 

Was ist Dir wichtig im Leben?

Meine Menschen sind das Wichtigste für mich. Und meine Freiheit, die ich so sehr genießen kann, weil ich die Gewissheit habe, einen sicheren Ort zu haben. Nichts gibt einem mehr Halt als zu wissen, man hat ein Zuhause. Ein Zuhause, das einem Schutz bietet, Wärme und Sicherheit. Es ist nicht schön, kein warmes Zuhause zu haben. Der Sommer ist kurz. Regen und Kälte sind grauenhaft. Ich habe es erlebt, wenn man so nass und durchgefroren ist, dass die Kälte bis zu den Knochen zieht. Und es keine Aussicht auf Besserung gibt. Wärme vermittelt Trost, ich tanke die Wärme und das Sonnenlicht, um es zu speichern, weil ich es nie wieder entbehren möchte. Jeder sollte das Glück haben, solch einen Ort zu haben. Wer ihn nicht hat, der soll ihn suchen.

Sie weiß jetzt: es gibt ihn.

 

Wovor fürchtest Du Dich?

Ich fürchte mich jetzt vor nichts mehr. Ich habe gelernt, dass ich mich nicht fürchten brauche, weil für mich gesorgt ist und weil das Leben weitergeht bis es zu Ende ist. Früher war das anders, da habe ich mich gefürchtet vor der dunklen Seite der Menschen und den negativen Energien, die manche Menschen umgeben. Es gibt auch Menschen, die kein Mitgefühl für Tiere haben. Das schnürt ihr das Herz zusammen.

 

Wie nimmst du deine körperliche Behinderung wahr? Wie gehst du mit ihr um?

Ich weiß, dass die Behinderung da ist, aber ich entscheide, inwieweit ich mich davon

beeinträchtigen lasse. Ich weiß, wie es ist, gar nicht laufen zu können und ich kenne den Willen, in Freiheit leben zu wollen. Dieser Wille war bei mir stärker als das Handicap und dadurch habe ich gelernt, wieder zu laufen. Das Wichtigste für mich ist, überhaupt laufen zu können und mein Leben in Freiheit zu leben. Freiheit heißt nicht, alles zu können. Es geht darum, das Gefühl von Freiheit zu haben. Ich habe mein Leben, hier, in dieser Familie, an diesem Ort - und doch bin ich vollkommen frei. Ich bin hier, hier wo ich bin - und gleichzeitig lasse ich den Blick bis zum Horizont schweifen.

Mit jedem Schritt in eine Richtung wird die Freiheit in diese Richtung größer und gleichzeitig kehre ich einer anderen Richtung den Rücken.

Meine körperliche Behinderung beeinträchtigt meine Freiheit nicht. Ich bin immer noch ich. Ich verliere meine Persönlichkeit dadurch nicht. Ich kann nicht so weit laufen, aber ich kann laufen und darum geht es im Grunde. Ich kann laufen, also laufe ich. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Es geht um die eigene Einstellung zu den Dingen und ich weigere mich, mich beeinträchtigen zu lassen - also bin ich nicht beeinträchtigt. Ich kann alles, was ich will. Die Stärke des Willens ist so unermesslich wie ich daran glaube, überzeugt bin und daran festhalte. In Wirklichkeit gibt es keine Behinderungen, egal ob körperlicher oder sonstiger Art, es gibt nur Umstände, die sind und aus denen man etwas machen kann.

 

Wie empfindest du das Leben mit Deiner Behinderung?

Man kann mit allem leben solange man Liebe bekommt. Es war hart und schmerzhaft, aber je mehr ich meine Vergangenheit ablegte, umso leichter wurde es. Die Behinderung kann man akzeptieren und sie wird zu einem Teil von einem. Ich durfte langsam lernen, raus zu gehen und was ich sah war so schön, dass es mich die Behinderung nach und nach vergessen ließ. Ich bin unendlich dankbar, weil ich weiß, dass ich aufgefangen wurde und für mich gesorgt wird. Meine Menschen haben mir Rückhalt und Liebe gegeben, ich habe gelernt zu vertrauen und nur so konnte ich heilen.

 

Hast du eine Botschaft für uns Menschen? Was können wir von euch Katzen lernen?

Ich verstehe nicht, wie ihr Menschen so unterschiedlich sein könnt. Es gibt so gute Seelen, die uns Tieren freundlich und liebevoll gegenübertreten und dann gibt es welche, die uns so voller Hass begegnen. Warum? Das kann ich nicht verstehen.

Und es gibt noch etwas, das ich nicht verstehe. Die meisten Menschen sind irgendwie angespannt und gestresst und mit seltsamen Nichtigkeiten beschäftigt, denen ihr euer Leben opfert. Warum?

Katzen betrachten ihr Leben und ihre Welt als Selbstverständlichkeit. Nicht, weil wir glauben, dass alles selbstverständlich ist, sondern weil wir uns entscheiden, es so wahrzunehmen. Es kommt immer und bei allem auf die Einstellung an. Jeder erschafft sich seine Realität, unabhängig von den äußeren Umständen. Seht mich an, ich kann nicht richtig laufen, aber ich lebe das Leben einer freien Katze. Würde ich aufgeben, weil ich nicht mehr laufen kann, wie ich es als Katze können sollte, dann würde ich mich verändern und traurig werden. Dann wäre ich bald nicht mehr ich.

Ihr schiebt so viel auf die äußeren Umstände, macht diese für so vieles verantwortlich. Doch die äußeren Umstände spielen in Wirklichkeit gar nicht die Rolle, die ihr ihnen zuschreibt. Klar, ich kann nicht mehr so gut Mäuse fangen, aber ich bin doch auf andere Weise versorgt. Gleichzeitig ist es nicht das Gefüttertwerden, was mich glücklich macht, versteht ihr, was ich meine? Die Gewissheit, versorgt zu sein, ermöglicht es mir, frei zu sein. Doch würde ich mich fürchten, weil ich mich nicht mehr selbst versorgen könnte, wenn ich es müsste, würde die Angst mich gefangen nehmen und ich wäre nicht mehr frei. Ich habe gelernt zu vertrauen, also vertraue ich doch lieber, dass schon alles so gut bleibt, wie es ist.

Ihr Menschen pflegt eure Ängste und Sorgen, aber das macht keinen Sinn. Sich mit Problemen zu beschäftigen, erschafft Probleme. Wollt ihr euch wirklich euer Leben lang mit Problemen beschäftigen und immer neue erschaffen? Genießt doch lieber euer Leben, wie es ist. Schaut, ich liebe es, draußen in der Sonne zu liegen und die Wärme der Sonnenstrahlen zu genießen und wenn es draußen kalt ist, genieße ich die Wärme drinnen in meinem Zuhause, in der Nähe meiner Menschen. Ich ärgere mich im Winter nicht, dass es nicht Sommer ist, auch wenn ich den Sommer lieber mag. Es gibt Wärme in meinem Leben, egal auf welche Weise, das ist das Wichtigste.

Wir Katzen sind relativ frei, dort zu leben, wo wir wollen. Wenn es uns irgendwo nicht gefällt, können wir woanders hingehen. Dennoch entscheiden wir uns meistens, dort zu bleiben, wo wir zuhause sind. Das ist bei euch Menschen genauso. Der Unterschied ist, dass wir Katzen unser Leben dann dort, wo wir sind, so genießen, wie es ist - während ihr euch immerzu Stress und Probleme macht. Warum tut ihr das?