Aus dem Leben zweier Hühner

 

Die beiden Hühner L. und S. kommen aus verschiedenen Legehennen-Betrieben und wurden über den Tierschutz in ihr neues Zuhause vermittelt. Sie leben jetzt gemeinsam mit anderen Hühnern und Hähnen auf einem großen privaten Hof, auf dem sie frei herumlaufen und ein artgerechtes Leben genießen dürfen.

 

Wie verbringt ihr eure Tage und Nächte?

Tagsüber laufen wir draußen herum, scharren und picken, und abends gehen wir rein und

schlafen. Scharren und picken, für L. ist das verbunden mit einem Hochgefühl, sie verfällt

regelrecht in Ekstase als sie schildert, was sie so alles findet. Der Tag ist das Schönste für sie, je länger die Tage sind umso besser.

S. orientiert sich an den anderen Hühnern. Sie war anfangs sehr irritiert und wusste nicht, wie man sich verhält. Jetzt weiß sie, was ein Huhn so macht. Ich schaue und staune den ganzen Tag. Manchmal renne ich und wundere mich, wie schnell ich rennen kann und wieviel Platz ich dafür habe.

 

Was mögt ihr besonders an eurem Leben?

S.: Das SEIN – Ich BIN. Dafür bin ich so dankbar. Ich lebe. Und ich sehe Leben. Ich wußte nicht, dass das Leben so schön sein kann.

 

Was ist euch wichtig im Leben?

Freiheit. Wir Hühner brauchen Freiheit wie die Luft zum Atmen. Wir wollen herumlaufen, scharren und picken, dann sind wir glücklich. Wir nehmen auch gern ein Sonnenbad oder kundschaften Plätze aus. Wenn wir Freiheit haben, dann erst können wir die Geborgenheit in unserem Stall genießen und Geborgenheit ist das Zweitschönste auf der Welt. Ohne Freiheit ist Geborgenheit keine Geborgenheit, sondern Enge. Das schöne Gefühl der Geborgenheit schlägt dann ins Gegenteil um.

 

Bitte erzählt uns etwas aus eurer Vergangenheit.

L. zeigt uns einen finsteren Verschlag mit vielen Hühnern. Sie flüchtet vor der Vergangenheit, will gar nicht daran denken. Es war alles eng und dunkel. Manchmal ging die Tür auf, kam Licht rein. Nur kurz, dann kam der Mann, brachte Futter. Die Hühner, die schon länger da waren, waren komisch und depressiv. Jede war für sich und alle waren traurig. Wir hatten zu fressen und zu trinken, aber wir waren eingesperrt. Kein Sonnenlicht, keine frische Luft. Das macht krank und traurig.

S. kommt aus einer Legehennenbatterie, wie man sie aus den Aufnahmen in der Berichterstattung kennt. Sie zeigt uns diese Welt aus ihrer Perspektive. Sie konnte die langen Gänge nicht sehen durch die Gitterstäbe ihres Käfigs, aber sie konnte spüren, wie sie sich endlos fortsetzten und ihre ganze Welt einnahmen. Sie sah nur die Käfige gegenüber und ein wenig schräg durch die Gitter, aber die Unermesslichkeit und Endlosigkeit des Leids um sie herum erdrückte sie. Der Geruch war übel, Gestank schmutziger und verletzter Hühner, Blut und Eiter und Exkremente vermischt mit dem Geruch von Angst und Verzweiflung. Es war eine Hölle, aus der es kein Entrinnen gab.

Sie hätte schreien wollen, aber es schnürte ihr den Hals zu. Es gab keine Tage und Nächte, nur Neonlicht. Es war hell, unglaublich hell und laut. Es wurde nie dunkel. Keine Erde, nur Metall, kein Platz, viele Hühner. Alle waren krank. Wir waren so viele und trotzdem allein, hatten keine Freunde. Die Hühner dort waren keine Gemeinschaft, keine konnte der anderen helfen, jede litt für sich allein. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt geschlafen habe, vielleicht bin ich mal weggenickt, aber geschlafen? Nein, es war immer hell. Und ich hatte Durst, immerzu Durst. Das Futter schmeckte wie Pappe, machte träge und der Bauch war so aufgequollen. Ich saß halt da und legte immer wieder Eier, mehr konnte man nicht tun. Verzweifelt bricht sie in Tränen aus, die Erinnerung ist so grausam und erschütternd. Sie schluchzt und weint – und wir weinen mit.

 

Habt ihr eine Botschaft für uns Menschen?

Wir Hühner sind genügsam. Wir brauchen nicht viel zu einem glücklichen Leben. Wenn wir Freiheit haben, sind wir ausgeglichen und können Geborgenheit und Nähe schätzen und genießen. Wir fügen niemandem Schaden zu. Ihr Menschen fügt Tieren Schaden zu. Aus Eigennutz. Ohne Notwendigkeit. Warum behandelt ihr uns so, warum sperrt ihr uns ein? Ist ein Hühnerleben nichts wert? Es sind nicht alle Menschen so, das wissen wir ja jetzt. Wir wissen jetzt, dass das Leben so schön sein kann und verstehen nicht, wie ihr so etwas tun könnt. Ihr habt doch so viel Platz draußen, Wiesen und Felder. Warum können wir nicht da leben? Ihr Menschen habt es in der Macht, uns Namen zu geben und uns zu Jemandem zu machen. Genauso habt ihr es in der Macht, uns alles zu nehmen und uns in die Hölle auf Erden zu werfen. Wie könnt ihr Menschen es ertragen, für unser Leid verantwortlich zu sein? Fühlt ihr denn nicht wie wir?